Hessisches Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
Virusinfektion bei Wiederkäuern

Blauzungenkrankheit

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Eine Kuh - © Andi Taranczuk / Fotolia.com
© Andi Taranczuk / Fotolia.com

Die Blauzungenkrankheit ist eine nichtansteckende Erkrankung bei Wiederkäuern, welche durch das Bluetongue-Virus (BTV), ein Orbivirus aus der Familie der Reoviren, verursacht wird. Bisher sind mindestens 27 Serotypen von BTV bekannt, bei jedem Serotyp gibt es jedoch unterschiedliche Reassortanten. BTV wird von Gnitzen, blutsaugenden Mücken der Gattung Culicoides, von Tier zu Tier übertragen und auf diesem Wege verbreitet.

Ein Eintragsrisiko für BTV-4 und BTV-8 nach Deutschland besteht

  • durch die Ausbreitung lebender, infizierter Vektoren mit dem Wind,
  • durch die Einschleppung infizierter Vektoren durch den Handel und Verkehr und
  • durch den Handel mit empfänglichen Tieren, Sperma, Embryos und Eizellen

Aktueller Sachstand

Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) kommt in seiner Risikoeinschätzung vom 30.11.2015 zu dem Schluss, dass das Risiko eines Eintrages von Bluetongue-Virus (BTV), Serotyp-4 von Südosten und Serotyp-8 von Südwesten, auf das Bundesgebiet wahrscheinlich bis hoch ist.

Seit Mai 2014 ist es in Südosteuropa zu zahlreichen Ausbrüchen der Blauzungen-Krankheit, verursacht durch BTV-4, gekommen. Seit dem Sommer 2015 wurden Neuausbrüche in Rumänien, Montenegro, Kroatien und Ungarn gemeldet. Nachdem sich der Erreger in Ungarn weiter verbreiten konnte, sind seit November 2015 vier Fälle in Österreich und ein Fall in Slowenien aufgetreten.

Bei dem ursächlichen Virus handelt es sich nicht um den bisher im Mittelmeerraum vorherrschenden BTV-4 Serotyp, der üblicherweise von der Gnitzenart Culicoides imicola übertragen wird, sondern um ein neues, reassortiertes Virus, das vermutlich von auch in Deutschland heimischen Vektoren (Culicoides obsoletus und pulicaris) verbreitet und übertragen werden kann. Von der Infektion sind neben Schafen und Ziegen auch Rinder und Wildtiere betroffen.

Im August 2015 wurde in Frankreich  der Ausbruch der Blauzungenkrankheit (BTV-8) bei einem klinisch kranken Schaf amtlich festgestellt. Seit dem ersten Januar 2016 wurden 130 Ausbrüche gemeldet (Quelle : ADNS, 02.06.2016). Der Südwesten von Baden-Württemberg liegt bereits in einer französischen Restriktionszone (150 km Überwachungszone). Das Land Baden-Württemberg hat bereits ein BT-Impfprogramm auf freiwilliger Basis etabliert.

Die Fünfte Verordnung zur Änderung tierseuchenrechtlicher Verordnungen vom 3. Mai 2016 (BGBl. I S. 1057) ist am 7. Mai 2016 in Kraft getreten. In Art. 5 der Verordnung wurde die EG-Blauzungenbekämpfung-Durchführungsverordnung vom 30. Juni 2015 insoweit geändert, als nunmehr auch ohne amtliche Feststellung eines BT-Ausbruches eine vorbeugende Impfung empfänglicher Tiere gegen die Blauzungenkrankheit durchgeführt werden kann.

Zu beachtende Maßnahmen

(1) Empfängliche Tiere dürfen gegen BT nur mit Genehmigung der zuständigen Behörde und nur mit inaktivierten Impfstoffen geimpft werden. Die Genehmigung ist unter Berücksichtigung einer Risikobewertung des FLI zu erteilen.

(2) Der Tierhalter hat der zuständigen Behörde oder einer von dieser beauftragten Stelle jede Impfung gegen BT innerhalb von sieben Tagen nach der Durchführung der Impfung unter Angabe der Registriernummer seines Betriebes, des Datums der Impfung und des verwendeten Impfstoffes mitzuteilen. Auf Anordnung der zuständigen Behörde hat er zusätzlich die Ohrmarkennummern der nach Satz 1 geimpften Tiere mitzuteilen.

(3) Die zuständige Behörde kann

1. die Impfung empfänglicher Tiere eines Bestandes oder eines bestimmten Gebietes gegen BT mit einem inaktivierten Impfstoff und

2. die Mitteilung über eine nach Nr. 1 durchgeführte Impfung und den dabei verwendeten Impfstoff anordnen, soweit dies aus Gründen der Tierseuchenbekämpfung erforderlich ist.

Für die Impfung sind in Deutschland derzeit inaktivierte Impfstoffe gegen verschiedene BTV-Serotypen zugelassen. Es besteht keine Kreuzimmunität zwischen den unterschiedlichen Serotypen.

Hier eine Übersicht der zugelassenen Impfstoffe

Zugelassene Impfstoffe BTV Serotyp 8 (Stand 15.02.2017)

Impfstoff

Hersteller

Vertrieb

Tierart

Bluevac BTV-8

CZ-Veterinaria

Intervet/MSD

Schaf, Rind

Bovilis BTV-8

Intervet/MSD

Intervet/MSD

Schaf, Rind

BTVPUR AlSap 8

Merial

Merial

Schaf, Rind

BTVPUR

mit Serotyp 8

Merial

Merial

Schaf, Rind

Zulvac 8 bovis

Zoetis

Zoetis

Rind

Zulvac 8 ovis

Zoetis

Zoetis

Schaf

Zugelassene Impfstoffe BTV Serotyp 4 (Stand 15.02.2017)

Impfstoff

Hersteller

Vertrieb

Tierart

BTVPUR AlSap 2, 4

Merial

Merial

Schaf

Bluevac-4

CZ-Veterinaria

Intervet/MSD

Schaf, Rind

BTVPUR

mit Serotyp 4

Merial

Merial

Schaf, Rind

Verfügbarkeit dieser Impfstoffe

Impfstoffe gegen BTV-4 und BTV-8 sind in Deutschland verfügbar. Die konkrete Verfügbarkeit der einzelnen Impfstoffe und Angaben zu den Immunisierungsschemata sind bei den Herstellern bzw. Vertreibern zu erfragen.

Weiterführende Informationen erhalten Sie auch auf der Internetseite der Ständigen Impfkomission des FLI.

Die aktuellen Zulassungen sind auf der Internetseite des Paul-Ehrlich-Institutes zu finden: http://www.pei.de/DE/infos/tieraerzte/tierarzneimittel/tierarzneimittel-node.html

Die Dokumentation der Impfung ist nicht nur  vorgeschrieben sondern Voraussetzung dafür, damit Tiere auch bei einem möglichen Viruseintrag unter best. Voraussetzungen gehandelt werden können. Insbesondere für den Handel von Kälbern ist es wichtig, dass diese Biestmilch von Kühen erhalten, deren BT-Impfung in HIT eingetragen ist. Die zum Download hinterlegten  Anleitungen beschreiben, wie Sie mit Hilfe von HIT Impflisten (Rind) / Impfblätter (Schaf/Ziege) erstellen können und wie anschließend der Impfeintrag elektronisch unterstützt wird.

Wie äußert sich die Blauzungenkrankheit bei den infizierten Tieren?

Beim Schaf kommt es nach einer Inkubationszeit von 2 bis 15 Tagen zu 6 bis 8 Tage anhaltendem Fieber und vermehrte Blutfülle (Hyperämie) der Kopfschleimhäute. Es treten Schwellungen (Ödeme) an Lippen, Augenlidern und Ohren sowie blaurote Färbung (Zyanose) im Maulbereich und vor allem an der Zunge auf. In der Folge entwickeln sich in diesen Bereichen Schleimhauterosionen und -geschwüre. Häufig kommt es auch zu schaumigem Speichelfluss, Nasenausfluss (eventuell eitrig) sowie Atembeschwerden. Entzündungen am Klauensaum sowie in den Skelettmuskeln führen zu Lahmheiten. Bei tragenden Tieren kommt es mitunter zu Aborten oder zur Geburt missgebildeter Lämmer.

Rinder zeigen nach einer Inkubationszeit von 5 bis 12 Tagen je nach Virustyp unterschiedlich stark verlaufende Krankheitserscheinungen. Die häufigeren leichten Formen gehen mit vorübergehendem Fieber, vermindertem Appetit, vermehrtem Speicheln und evtl. einem klammen Gang einher. Betroffene Tiere erholen sich relativ schnell, aber auch ohne sichtbare Erkrankungszeichen kann es zu Aborten, Fruchtbarkeitsstörungen, fetalen Missbildungen sowie erhöhter Kälbersterblichkeit kommen. Die selteneren schweren Erkrankungen sind anfangs gekennzeichnet durch hohes Fieber, Apathie, beschleunigte Atmung (Tachypnoe), vermehrtes Speicheln sowie Hyperämie der Kopfschleimhäute. An der Maulschleimhaut, den Lippen und vor allem der Zunge kommt es zunächst zu einer blauroten Verfärbung und Schwellungen, später dann zu Erosionen und Geschwürbildungen. Es treten entzündliche Veränderungen an Kronsaum und Zitzen, vor allem in unpigmentierten Bereichen auf. Entzündungen in Muskeln und an den Klauen führen zu Bewegungsunlust und Lahmheiten.

Behördliche Maßnahmen

In den Jahren 2008 und 2009 wurde in Deutschland mit inaktivierten Impfstoffen gegen BTV-8 geimpft. Die Impfpflicht betraf Rinder, Schafe und Ziegen. Wildwiederkäuer im Gatter konnten auf freiwilliger Basis geimpft werden. Zum 1.1.2010 wurde die Impfverpflichtung aufgehoben; es bestand die Möglichkeit zu einer freiwilligen Impfung der genannten Tierarten.

Im Rahmen eines bereits im Jahr 2007 etablierten Monitoring-Programms wurden umfangreiche Untersuchungen bei Rindern, Schafen und Ziegen sowie in geringerem Maße bei Wildwiederkäuern durchgeführt. Im Rahmen des seit 2010 durchgeführten Monitorings mit insgesamt rund 110.000 Proben wurden keine Hinweise auf eine Zirkulation des BT-Virus in Deutschland gefunden.